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#45: Zum Weinen schön

Da weinte Jesus.

Johannes 11,35 (EU)

Man sagt das ja manchmal: Bei Musik, bei Filmen, bei Momenten, die einen treffen. „Zum Weinen schön“ klingt, als wäre das Weinen so etwas wie der Preis für Intensität. Als müsste etwas erst weh tun, damit es wirklich zählt. Als wären Tränen das Gütesiegel für Tiefe.

Hier geht es nicht um Rührung, nicht um ästhetisierte Überwältigung. Jesus steht am Grab seines Freundes. Die Szene ist alles andere als schön. Und dieser Jesus, der später noch große Worte über Auferstehung und Leben sprechen wird, weint.

Tränen sind nicht nur ein Zeichen von Schwäche, sondern von Beziehung. Wer weint, ist nicht unberührt. Wer weint, hat sich berühren lassen. Und dass Jesus weint, heißt: Gott ist nicht distanziert. Gott ist in dieser Erzählung der, der am Grab steht.

„Zum Weinen schön“ – das kann kitschig sein. Aber manchmal ist es schön, dass überhaupt noch geweint wird. In einer Welt, die Härte trainiert, Tempo belohnt und Gefühle schnell „verarbeitet“ sehen will, sind Tränen ein Widerstand. Sie sagen: Das hier war nicht egal. Und genau das ist Liebe.

Die Tränen von Jesus machen das Weinen nicht heilig oder gut. Tränen sind auch nicht automatisch klug. Aber was sie sind echt. Ich will von diesem Vers lernen, was wir uns oft selbst verbieten: nicht sofort stark sein zu müssen. Nicht sofort einen Sinn finden zu müssen, nicht sofort weitermachen zu müssen.

Das Schöne an diesem Vers: Gott begegnet uns nicht zuerst mit Antworten, sondern mit Anteilnahme. Nicht mit Abstand, sondern mit Nähe.

Es mag nicht schön sein, dass es Grund zum Weinen gibt, aber es ist schön – fast trotzig schön, dass Gott sich nicht zu schade ist für Tränen.
Und dass unsere Tränen in seiner Nähe nicht peinlich sind, sondern Platz haben.

Herzlichst,
Ihr/Dein Pfr. Rudolf Waron

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