Spricht Jesus zu ihm: Weil du mich gesehen hast, darum glaubst du? Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!
Johannes 20,29 (LUT)
Augen zu, Verstand aus, Zweifel runterdrücken, irgendwie durchhalten. Hauptsache glauben. Hauptsache nicht zu viel fragen. Hauptsache fromm.
Hauptsache fromm. So einfach will ich es mir nicht machen. Wenn ich die Geschichte zu diesem Vers lese, dann sehe ich eine Geschichte voller Erschütterung, Verrat, Gewalt, Flucht, Kreuz, Tod. Und dann die verstörende Nachricht: Er lebt.
Vielleicht ist Thomas gar nicht der Störenfried des Osterglaubens, sondern vielmehr ein ehrlicher Zeuge. Denn er will nicht bloß Gerüchte glauben sondern will wissen, woran er ist. Er verlangt kein sensationelles Wunder, sondern einfach nur Verlässlichkeit. Er sucht nicht den billigen Beweis, sondern einen Grund, auf dem ein Mensch stehen kann.
Deshalb ist er für mich nicht der Gegenpol zum Glauben, sondern sein Bruder. Einer, der den Schmerz noch in den Knochen hat und deshalb nicht vorschnell „Halleluja“ singen kann. Einer, der die Wunden sehen will, weil Auferstehung das Leid nicht auslöscht, sondern verwandelt. Ostern löscht Karfreitag nicht aus.
Der Auferstandene wertet nicht all diejenigen ab, die fragen, zweifeln, prüfen. Ich sehe darin mehr eine Seligpreisung für uns Nachgeborenen. Für alle, die Jesus nicht mit eigenen Augen gesehen haben. Für Menschen, die keinen unmittelbaren Beweis haben und trotzdem nicht aufhören, sich berühren zu lassen von seinem Wort, von seiner Geschichte, von seiner Gegenwart mitten unter den Verwundeten.
Glauben heißt dann nicht: gegen die Wirklichkeit anrennen. Sondern: mehr von der Wirklichkeit erwarten, als das Sichtbare hergibt. Nicht alles ist beweisbar, was trägt. Liebe nicht. Hoffnung nicht. Treue nicht. Trost nicht. Auch Vertrauen lebt davon, dass wir uns auf etwas einlassen, das wir nicht in der Hand haben.
Das ist eine Zumutung. Denn Glaube bleibt riskant. Er hat nichts von einem wasserdichten Vertrag. Er ist kein Besitz. Er ist Vertrauen auf einen, der sich nicht festhalten lässt und doch gegenwärtig ist. Darum ist christlicher Glaube nie: Augen zu und durch. Sondern eher: Augen auf — auch für die Wunden. Und dennoch nicht beim Tod stehen bleiben. Sehen, was ist. Und dem trauen, was Gott daraus machen kann.
Herzlichst,
Ihr/Dein Pfr. Rudolf Waron
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