Ein Anker aus violetten Blumen in einem Beet

#47: Mehr als ein gutes Gefühl

Die Hoffnung haben wir als einen sicheren und festen Anker unsrer Seele.

Hebr 6,19 (LUT)

Guten Morgen zum Feiertag!

Der Mai beginnt mit einem freien Tag. Das ist schön. Ausschlafen. Durchatmen. Einmal nicht sofort funktionieren müssen, sondern den Tag einfach kommen lassen.

Aber ein Feiertag löst keine Fragen. Er beseitigt keine Sorgen. Und er macht aus einer unsicheren Welt noch lange keine sichere. Die Feiertagsruhe deckt nicht alles zu, vielleicht spürt man sogar noch deutlicher als sonst, was einen beschäftigt, was offen ist, was drückt, was ins Wanken geraten ist.

Der Monatsspruch für Mai bringt mit dem Anker ein gutes Bild dafür, denn ein Anker ist nichts für romantische Sonnenuntergänge oder einen gepflegten Feiertags-Brunch. Ein Anker ist für raues Wasser da. Für Strömung. Für Sturm. Für die Gefahr, abzutreiben.

Hoffnung ist also wie ein Anker und nicht eine hübsche Dekoration für fromme Gedanken. Sie ist nicht eine positive Stimmung oder die religiöse Variante von: „Das wird schon wieder“. Und sie ist erst recht nicht die Kunst, sich die Wirklichkeit schönzureden.

Hoffnung beginnt dort, wo man sich nichts vormacht. Wo man merkt: Ich habe nicht alles im Griff. Wo ich erkenne, dass meine Sicherheiten nicht so sicher sind, wie ich gedacht habe, wo das, woran ich mich festhalte, nur bei ruhiger See getragen hat, nicht aber im Sturm.

Wir leben ja nicht gerade in ruhigen Zeiten. Vieles ist laut, schnell, erregt. Vieles will Aufmerksamkeit. Vieles behauptet, Halt zu geben. Und nicht wenig davon hält nur bis zur nächsten Krise.

Der Monatsspruch ist keine fromme Beruhigungstablette gegen die Übelkeit dieser Zeiten, sondern vielmehr ein Gegenmittel, ein Widerspruch gegen die Hoffnungslosigkeit. Er ruft uns zu: Du bist nicht darauf angewiesen, dich selbst bis zuletzt zu tragen, sondern du wirst getragen,

Vielleicht ist das der Grund, dass so viele Menschen erschöpft sind: Dass sie den Eindruck haben, alles halten zu müssen. Sich selbst, den Alltag, die Erwartungen, die Unsicherheiten, manchmal fast die ganze Welt.

Der Monatsspruch widerspricht: Du musst nicht dein eigener Anker sein. Du darfst darauf vertrauen, dass Halt nicht nur aus dir kommen muss.

Vielleicht ist genau das schwer zu glauben. Weil wir lieber stark wirken, als angewiesen zu sein. Lieber kontrollieren, als vertrauen. Lieber den Eindruck von Stabilität aufrechterhalten, als zuzugeben, dass wir selber Halt brauchen.

Aber Hoffnung fängt genau dort an: Nicht im starken Gefühl, der blendenden Gewissheit, sondern mit dem Vertrauen: Ich falle nicht ins Bodenlose.

Ich wünsche Ihnen und Euch einen guten Start in den Mai. Mit Zeit zum Aufatmen. Mit guten Gedanken und mit einer Hoffnung, die mehr ist als ein schöner Satz für Feiertage.

Herzlichst,
Ihr/Dein Pfr. Rudolf Waron

Bildquellen: