Zum Teufel mit der Freiheit

Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen!
Galater 5,1

Nun feiern wir auf dem Weg zum Reformationsjubiläum 2017 heuer das Jahr der Freiheit. Wieder einmal.
Wollen wir das wirklich, die Freiheit feiern? Geht es Ihnen nicht auch so, dass Sie das Wort „Freiheit“ schon gar nicht mehr hören können? Zum Teufel mit der Freiheit!
Wir haben die Freiheit, zwischen zig Sorten Joghurt zu wählen. Für welches entscheiden Sie sich? Oder können sie gar nicht mehr frei entscheiden, weil Sie sich ohnehin für das Produkt entscheiden müssen, das Ihren Darm neu belebt, damit Sie frei scheißen können?

Ich (Martin Luther!) habe nie von einer Freiheit zu einem guten Leben gesprochen, auch wenn man regelmäßigen Stuhlgang wertschätzen soll. Denn es nicht egal, was wir ablassen in unseren Stillen Örtchen.

Und still ist es auch geworden um den Ablass. Und wir merken nicht einmal, wie wir beschissen werden, denn wir sind immer noch „ein Volk von Gleißnern und Blendern“.

Wissen Sie eigentlich, dass es besser ist, als Bettler vor dem Discounter zu sitzen als vor dem Bioladen? Hier kaufen sich die Besserverdienenden ein gutes Gewissen.

Wir sollten uns deshalb gründlich fragen, auf welche modernen Ablasshändel wir uns eingelassen haben, um unsere Seele von dem inneren Druck zu entlasten und frei zu werden. Was für eine Freiheit spielen wir uns vor, selbst dann, wenn wir es schrecklich ernst meinen? Zum Teufel mit dieser Freiheit!

Die Freiheit der Wahl führt zu Einsamkeit und Selbstverachtung, denn wer im Reich dieser Freiheit versagt, ist selber schuld. Freiheit wird auch moralisch zweideutiger: täglich diskreditiert als die Freiheit, die sich Menschen auf Kosten anderer nehmen. Auf den freien Kapitalmärkten werden die bürgerlichen Werte Maß, Vertrauen und Gerechtigkeit verzockt. Mit dem Ellenbogen nimmt sich jeder die Freiheit, möglichst noch den letzten Sitzplatz zu ergattern und im Namen der Freiheit werden Menschen, die anders sind, beschimpft, gedemütigt und drangsaliert. Freiheit ist bitter geworden, sie gilt als Option der Starken gegen die Schwachen, als Motor für Bereicherung und eigenen Vorteil (Quelle). Viele Menschen sehnen sich nach Sicherheit und würden viele Freiheiten freiwillig abgeben. Sie leiden an Freiheitsverstopfung. Viele sagen schon: Zum Teufel mit dieser Freiheit.

Die Freiheit, von der ich gesprochen habe, ist dagegen in höchstem Maße gefährdet. Und weil sie so gefährdet ist, muss sie auch immer wieder verteidigt werden. Wie ich schon damals über die Freiheit gesagt habe: „Die Sicheren und Schnarcher können sie nicht behalten“. Ich rede von der geschenkten Freiheit, die mich wirklich frei macht.

Freiheit, die uns Christus schenkt. Die uns auch von dieser anderen Freiheit befreien kann, die wir uns verordnen.

Diese Freiheit bedeutet, dass ich sehr wohl Fehler machen kann, dass ich überfordert sein darf bei der Auswahl, dass ich falsche Entscheidungen treffen darf, denn wie ich’s auch anstelle, Gott hat mich gerecht gesprochen.

Die Heilsversprechen des Kapitalismus befreien vielleicht den Darm und sicher die Geldbörse – Gott befreit mich, der ich ein armer stinkender Madensack bin.
Nur wenn wir das Gespür für diese geschenkte Freiheit entwickeln und behalten, können wir auch eintreten für die Rechte von Schutzlosen, von Unterdrückten und Sterbenden, von Obdachlosen und Flüchtlingen.

Es wird Zeit, dass wir in der Kakophonie dieser Zeit einmal zwischenspülen.

Und deshalb rufe ich Euch – seit fast 500 Jahren – das Einmaleins der Reformation zu: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemandem untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“

Herzlichst,
Ihr Pfr. Rudolf Waron

Transskript der Predigt, die ich als Martin Luther gekleidet am 31. Oktober 2014 vor den Toren der Heilandskirche in Graz gehalten habe.

04. November 2014