Um einen Anfang zu machen

Die Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist. Um einen Anfang zu machen, muß sie alles Eigentum den Notleidenden schenken. Die Pfarrer müssen ausschließlich von den freiwilligen Gaben der Gemeinden leben, evtl. einen weltlichen Beruf ausüben. Sie muß an den weltlichen Aufgaben des menschlichen Gemeinschaftslebens teilnehmen, nicht herrschend, sondern helfend und dienend.
Dietrich Bonhoeffer (DBW 8, 560)

„Um einen Anfang zu machen“ – wo kommen wir denn da hin? Ich habe ein wenig in meinen Unterlagen aus dem Studium geblättert. Nicht, weil mir langweilig gewesen wäre, ich habe etwas gesucht. Und mehr gefunden, als mir lieb ist. In der Erinnerung war ich während meines Studiums mehr im Biergarten als in der Bibliothek und mehr auf Partys als zuhause. Was soll da also schon zu finden sein? Bonhoeffer habe ich gefunden, genauer meine Mitschrift zum Seminar bei U. Körtner. Und einen Haufen Notizen. Darunter obiges Zitat und viele Gedanken dazu, die ich nun besser nicht wiedergebe. Wer macht einen Anfang? Mit Pfarrer bin dann ja wohl ich gemeint. Wenn man Bonhoeffer ernst nimmt, darf ich nur von freiwilligen Gaben leben. Eventuell müsste ich auch einen „weltlichen Beruf“ ausüben. Meinen Notizen von damals entnehme ich eine, sagen wir „herrschaftskritische Anmerkung“ über Hochwohlgeborene und einen Klerus major; heißt das hier „mit einer vollen Hose…“?

I-Tüpferl habe ich versprochen, hier sind sie: Notleidende. Eigentum. Ausschließlich. Freiwillig. Das sollte für den Anfang reichen.

Notleidende. Hier bei uns? Wer leidet denn bitteschön Not in diesem Land? Und wenn schon, dann wohl nicht an einer Not, die durch Schenkung von Eigentum zu lindern wäre. Psychische Not geht doch nicht mit Geld weg, ebenso wenig die Angst vor der Zukunft, oder?

Eigentum. Welches Eigentum bitte? Wir haben ja doch nicht viel? Und das, was wir haben, ist auch noch gefährdet, nicht nur durch eine drohende(?) Erbschaftssteuer. Dahin das sauer Ersparte und das Häuschen der Mutter, wenn letztere ins Heim kommt und der böse Staat auf die „Vermögenswerte“ zugreift. Da hat es doch die/der viel besser, die/der ihr/sein Geld gleich auf den Putz haut.

Ausschließlich. Nur. Nichts anderes. Ohne weitere Ergänzung. Leben wir denn nicht schon seit langem ausschließlich, also unter Ausschluss von anderen? Wir wollen es den Privilegierten nachtun und schließen aus. Meins – Deins, das sind im besten Sinne bürgerliche Kategorien. Wer sich nicht dran hält, wird bekämpft.

Freiwillig. Aus freiem Willen. Was ich tue, das tue ich ohne Zwang und lasse mir auch nicht dreinreden von anderen. Mein Wille geschehe, spricht das Volk.

Und so kommt es wohl nicht von ungefähr, wenn Not (der anderen) wegargumentiert wird zur Faulheit und Bilder von Futtertrögen neu erwachen. Nicht von ungefähr, wenn mein Eigentum mehr zählt als die Gesellschaft und wenn mein Eigentum gefährdet ist, dann bekämpfe ich im Notfall auch den Staat, der sich an meinen Werten vergreift. Wenn ich gebe, dann freiwillig – mit anderen Worten: Wenn ich die Gewissheit habe, dass ich viel mehr zurückbekomme. Geben ist nie seliger als Nehmen, das ist nur so ein Spruch von den Pfaffen, aber die wollen ja sowieso nur mein Geld.

So, jetzt bin ich am Ende. Und damit wohl erst in der Lage, ernsthaft anfangen zu können.
Eine Bitte zum Schluss: Bitte drehen Sie mir jedes Wort um – dafür habe ich sie geschrieben!

Herzlichst,
Ihr Pfr. Rudolf Waron

23. April 2016