Lebensmittelpunkte

Was haben wir denn in die Welt mitgebracht? Nichts! Was können wir aus der Welt mitnehmen? Nichts! Wenn wir also Nahrung und Kleidung haben, soll uns das genügen. Die, die unbedingt reich werden wollen, geraten in Versuchung. Sie verfangen sich in unsinnigen und schädlichen Wünschen, die sie zugrunde richten und ins ewige Verderben stürzen. Denn Geldgier ist die Wurzel alles Bösen. Manche sind ihr so verfallen, dass sie vom Glauben abgeirrt sind und sich selbst viele Qualen bereiteten.
1. Timotheus 6, 7-10

Auf und davon sind sie. Die Geschäfte in den Innenstädten sind ausgeflogen. Nicht nur in Kapfenberg, Hartberg oder Villach, das Phänomen ist nicht neu, das Ausmaß auch nicht, die Motive erst recht nicht.

Kürzlich musste ich überrascht feststellen, dass aus dem „zentrumsnahen“ Einkaufszentrum in Kapfenberg mittlerweile ein Biomarktplatz zu werden scheint. Veganes Fastfood, wöchentlicher Bauernmarkt und selbst fair produzierte Kleidung können erworben werden. Hat da ein gesellschaftlicher Sinneswandel stattgefunden und ich habe ihn nicht mitbekommen? Wird die Welt etwa gut und bio und regional und was weiß ich noch? Kaufen die Leute etwa wirklich auch Dinge, die gut für sie sind oder werden wir wieder am Schmäh gehalten? In der besten Version unserer konsumistischen Welt wohl beides: Ein bisschen besser aber viel mehr Schmäh(ung). Denn auch aus den Einkaufszentren fliegen die Geschäfte in noch größere und schönere und was weiß ich noch. Und dann ist auch dieses Nest leer, wie die ehemaligen Geschäftsstraßen in den Innenstädten. Aber was macht ein Einkaufszentrum, das keine Einkaufsmöglichkeiten mehr bieten kann, weil die Geschäfte wie ein Vogel aus dem Käfig zu entkommen drohen? Richtig: Geschäfte einfangen, die mit dem Platzangebot und den Mieten zufrieden sein werden. Wer hätte sich vor zehn Jahren gedacht, dass ein Biohändler einem hippen Kleiderladen als Mieter in einem Einkaufszentrum nachfolgen wird?

Was bleibt in den Innenstädten? Läden, deren Halbwertszeit kürzer als die gesetzliche Gewährleistung ist, Nahversorgung in Form von Kebab und Falafel, dazu Hühnerschnitzel und Pizzaecken. Das eine oder andere Café hat überlebt und wenn man gute Ortskenntnisse hat, findet sich sogar ein halbwegs bekömmliches Mittagessen – wenn der Wochentag stimmt. Und dazu – quasi als Bollwerk der christlichen Tradition, die derzeit wieder in aller Munde ist, ein leeres Gebäude mit Turm und Glocke. Leer selbst dann, wenn der Wochentag stimmt. Wir haben nicht nur unseren Wohnsitz sondern auch den Mittelpunkt unseres Lebens an die Peripherie gerückt. Schade, dass man an der Grundstücksgrenze nicht auch den Rollladen herunterlassen kann, wie nach Ladenschluss.

Was steht im Mittelpunkt unseres Lebens? Vor Fastenzeit werden noch einmal schnell die Fassaden clownesk gestrichen, bevor der Tross des Konsumismus weiterzieht und wie eine Heuschreckenplage das nächste Feld in Ödnis verwandelt. Ziehen wir mit, damit wir nicht frustriert zurückbleiben? Was machen wir alles mit, nur um dran zu bleiben – ganz egal, ob es uns gut tut oder nicht. Aus den vermeintlich sicheren Zufluchtsorten am Rand schwärmen wir selbst aus, um wie Heuschrecken zu fressen um des Fressens willen. Billiger ist nicht besser, nur besser ist besser und besser ist noch lange nicht gut. Klingt viel komplizierter als es ist. Wir müssen nur aufpassen, den Mittelpunkt unseres Lebens nicht mit dem Ort unserer derzeitigen Aufmerksamkeit zu verwechseln. Die Opfer sind jetzt schon groß genug, der Preis könnte aber noch viel größer sein.

Was aber, wenn die Läden nicht ausfliegen, sondern nur nachziehen? Was, wenn es daran liegen würde, dass Läden, die nicht alles haben, sondern vielleicht nur viel mehr als wir brauchen, einfach zu wenig haben, als dass wir dort einkauften? Was, wenn es an uns liegt, dass die Städte veröden und jetzt sogar die Einkaufszentren? Was, wenn einmal die Opfer, die wir für Hausbau, -einrichtung und fürs Befüllen von Haus und Doppelgarage erbracht haben, nicht mehr ausreichen?

Ein paar einfache Sätze habe ich noch. Treffen sie zu, was glauben Sie?

  • Wer viel hat, von dem wird viel verlangt.
  • Wer viel hat, muss noch mehr haben.
  • Wer viel hat, muss viel geben.
  • Wer viel hat, hat viel gearbeitet.

Herzlichst,
Ihr Pfr. Rudolf Waron

01. März 2016