Jetzt wird wieder in die Hände gespuckt!

Und der Herr, unser Gott, sei uns freundlich und fördere das Werk unsrer Hände bei uns. Ja, das Werk unsrer Hände wollest du fördern!
Psalm 90,17

Vielleicht können Sie sich an das Lied von Geier Sturzflug aus den 80er Jahren erinnern. Eine zynische Absage an das Diktat von Wirtschaft und Leistungsgesellschaft. Auf humorvolle Weise wird hier geschildert, was zählt im Leben: Leistung und Erfolg. Die Botschaft: Wer ordentlich schuftet, der bringt es auch zu was in seinem Leben. Wer arbeitet, der bekommt Anerkennung, der ist wertvoll für diese Gesellschaft.

Nun, die 80er Jahre sind schon lange her. Heute schaut’s da doch anders aus. Die Zeit des Wirtschaftswunders ist endgültig vorbei. Immer mehr Menschen sind betroffen von Arbeitslosigkeit. Dazu verurteilt, aus dem Arbeitsleben ausgeschlossen zu sein. Gleichzeitig lastet auf den arbeitenden Menschen ein immer größerer Druck. Überstunden gehören oft schon zum normalen Arbeitsalltag. Akkordarbeit ist längst nicht mehr nur die Last von Arbeiterinnen und Arbeitern in Fabriken.

Arbeit als Fluch: So erleben viele die Arbeit, als eine unangenehme Verpflichtung. Ohne Arbeit kein Einkommen, keine Existenz. Arbeit ist ein notwendiges Übel. Die Arbeit ? Oder die Umstände, die Art von Arbeit? Die Bibel verwendet in diesem Zusammenhang den Begriff der Knechtschaft. Arbeit als Sklaverei. Arbeit ohne Lohn, ohne Gerechtigkeit. Arbeit ohne Freiheit. Arbeit, die den Menschen in die Knie zwingt. Arbeit, die nicht mehr das halbe Leben ist, sondern das Ganze. Menschen, die spätnachts noch im Büro sitzen, die ganz die Zeit übersehen, weil sie die Arbeit voll ausfüllt. Oder anders herum: Die ohne die Arbeit nichts mehr sind. Menschen, die sich selbst nur über die Arbeit definieren, die sich nur so als vollwertigen Menschen sehen.

Der Verlust von Arbeit bringt dann auch den Verlust der Vollwertigkeit mit sich; und was nicht vollwertig ist, wird auch nicht als wertvoll betrachtet.

Arbeit als Segen: Arbeit ist eine Aufgabe, ist Tun. Im Gegensatz zum Nichtstun. Aus gutem Grund ist das Recht auf Arbeit in den Menschenrechten verankert:

Jeder Mensch hat das Recht auf Arbeit, auf freie Berufswahl, auf angemessene und befriedigende Arbeitsbedingungen sowie auf Schutz gegen Arbeitslosigkeit.
Allg. Erklärung der Menschenrechte 1948, Art. 23, Abs. 1

Arbeit gehört zur Würde des Menschen. Ist ein Aspekt der Ebenbildlichkeit mit Gott. Sie gehört zur Ganzheit des Menschen dazu. Die Bestimmung des Menschen ist nicht, dass er einfach in den Tag hinein lebt und das Leben vertrödelt. Nein, er hat eine Aufgabe bekommen. Als Menschen sind wir eben ganz und gar Ebenbilder Gottes, denn Gott selbst ist nicht untätig.

Unter diesem Gesichtspunkt macht Arbeit frei von Abhängigkeiten, erlaubt, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Sie gehört zur Würde des Menschen, wenn gleichzeitig Menschen nicht auf den Aspekt der Verwertbarkeit ihrer Arbeitskraft reduziert werden.

Wir arbeiten ständig: Auch freiwillig suchen wir sie, ohne Erwartung an uns, nur von unseren eigenen Interessen bestimmt. Das Hobby kennt keinen Arbeitgeber, außer uns selbst. Und doch fordert es unsere ganze Aufmerksamkeit. Wir schöpfen mitunter die letzten Ressourcen aus, um ihm nachgehen zu können. Wie auch künstlerisches Arbeiten. Keine Kunst ohne Schaffen, ohne Leistung.

Arbeit ist etwas Gutes, sie bindet Energien, hilft Ziele zu erreichen. Sie schenkt Sinn und schafft Gemeinschaft.

Aber: Arbeit gehört ganz dem Menschen, aber nicht der Mensch ganz der Arbeit.

Warum arbeiten Sie?

Wenn Sie jetzt in diesem Augenblick entscheiden könnten, für den Rest Ihres Lebens nie mehr arbeiten zu müssen, würden Sie es tun? Wie würden Sie sich entscheiden, wenn „nicht mehr arbeiten müssen“ bedeutet, für den Rest Ihres Lebens keinerlei Arbeit in egal welcher Form verrichten zu dürfen?

Herzlichst,
Ihr Pfr. Rudolf Waron

01. Mai 2012