Eigentlich sollte ich

Ich kündige an, was geschehen wird, lange bevor es eintrifft. Und das sage ich euch: Wenn ich etwas plane, dann wird es auch ausgeführt. Alles, was ich mir vornehme, das tue ich auch.
Jesaja 46,10

Im Grunde wollte ich es nicht, aber nun gehe ich doch mit gutem Beispiel voran. Gut im Sinne von gut erkennbar und nicht gut im Sinne von nachahmenswert. Ein gutes Beispiel ist nicht immer auch moralisch gut oder wenigstens ökonomisch ertragreich oder nachhaltig oder welchem Denksystem Sie anhängen oder nachtrauern.

Ich bin ein gutes Beispiel – nein besser: Ich gebe ein gutes Beispiel ab. Um es im österreichischen Indikativ zu sagen: Eigentlich wollte ich das Neue Jahr mit einem pünktlich verschickten Newsletter beginnen. Eigentlich wollte ich gleich am Anfang den Schreibtisch von dem ich nur noch ungern behaupte, dass er meiner ist aufräumen. Eigentlich wollte ich – so beginnt vieles, das nie anfängt.

Wenn die Zeit kommt, in der man könnte, ist die vorüber, in der man kann.
Marie von Ebner-Eschenbach, Aphorismen, Stuttgart 2002, S.21

Wenn mir eine Angelegenheit eigen wäre – um es wieder in der Möglichkeitsform auszudrücken, so bliebe mir nichts anderes übrig, als mich um sie zu kümmern. Wenn sie es nicht ist, habe ich die Freiheit, sie anzugehen und sie mir auf diese Weise anzueignen. Wenn ich von der Freiheit Gebrauch mache, mich von ihr nicht angehen zu lassen, so ist jede Beschäftigung damit Zeitverschwendung. Das klingt nun komplizierter als es ist: Entweder geht mich was an und ich habe mich darum zu kümmern oder es geht mich nicht an, so braucht es mich nicht zu kümmern.

Wir Österreicherinnen und Österreicher neigen dazu, komplexe und mitunter schwierige Sachverhalte sehr beschönigend zu umschreiben. In diesem Fall gelingt es aber ganz gut, den Nagel auf dem Kopf zu treffen.

Gelänge es ganz gut, wenn da nicht die Trauer über nie Gewesenes wäre. Bei aller Motivation kriegt uns der „Hätti-wari“ immer wieder: Angelegenheiten, die uns nicht scherten, schneiden uns durchs Gehirn. „Wenn ich damals doch die Matura gemacht hätte, dann wäre ich heute beruflich schon viel weiter…“. Warum denkt eigentlich (!) niemand daran, was heute wäre, wenn man damals – wann auch immer – einen Unfall gehabt hätte nach der Matura oder welche Schicksalsschläge einen treffen hätten können? Es müsste sich Dankbarkeit einstellen – wem gegenüber?

Kontingenz ist etwas, was weder notwendig ist noch unmöglich ist; was also so, wie es ist (war, sein wird), sein kann, aber auch anders möglich ist.
Niklas Luhmann, Soziale Systeme, Frankfurt/M. 1987, S.152

Bei allen Vorsätzen und Motivationssprüchen – die eigentlichen Angelegenheiten im Leben können wir nicht machen, auch mit den besten Vorsätzen nicht. Wir können ihnen nur etwas weniger im Weg stehen: Liebe, Gesundheit, das was wir Glück und Sinn nennen, von mir aus auch Kontingenz, wie im Zitat von Niklas Luhmann oben. Oder im Vertrauen auf den, der von sich nur sagt, dass er „ist“.
Auf die Vorsätze zum Neuen Jahr umgelegt. Einfach (!) runterbrechen auf machbare Portionen, konkrete Situation und vor allem: Aus dem österreichischen Indikativ einen richtigen machen. Nicht eigentlich sollte ich einen Newsletter schreiben, sondern ich schreibe einen Newsletter. Klingt einfach – ist es auch.

Der Gott unserer Vorfahren gebe dir Gnade und lasse dein Vorhaben gelingen.
Judit 10,8a

Herzlichst,
Ihr Pfr. Rudolf Waron

20. Januar 2016