Deus lo vult

Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Gottes Kinder heißen.
Matthäus 5,9

Das Wissen darüber, was Gott will, scheint dem Zeitgeist viel mehr geschuldet zu sein, als wir glauben möchten. Dabei ist der Aufruf zum (ersten) Kreuzzug mit den Worten „Gott will es“ nicht so unwidersprochen aufgenommen worden, wie wir heute gerne glauben möchten: Der englische Theologe Radulfus Niger (+1200) hat ein klares Nein gesetzt: Deus non vult. Kein Papst darf fordern, was der Vernunft widerspricht, argumentierte er unter anderem.

Das Gebot der Vernunft oder der Stunde („es gibt keine Alternative“) scheint nun wieder „Gott will es“ zu sein. Nicht nur die römisch-katholische (deutsche) Bischofskonferenz hat Waffenlieferung an die Kurden im Irak „gestützt„, auch der Ratsvorsitzende der EKD, Nikolaus Schneider, „schießt“ nach – und über das Ziel hinaus: „Bonhoeffer zog angesichts der Naziverbrechen den Schluss, dass es Situationen gibt, in denen es nicht reicht, Unter-die-Räder-Gekommene zu verbinden. Dem Rad muss auch in die Speichen gegriffen werden – und sei es mit Gewalt“, zitiert ihn Die Zeit.

Nun steht es mir sicher nicht an, den großen Vorsitzenden zu korrigieren, aber wenn es mir ansteht, dann muss es raus: So richtig der Hinweis auf Bonhoeffer ist, so muss dieser aber auch zu Ende gedacht werden. Denn Bonhoeffer hat den Ruf nach Gewalt nicht einfach hinausgeplärrt in der Hoffnung, dass dann schon jemand Gewalt anwenden wird, sondern hat biblisch und theologisch argumentiert: Wer Gewalt ausübt, der lädt Schuld auf sich. Sind wir tatsächlich bereit, so leichtfertig Schuld auf uns zu laden? Bonhoeffer hat von verantwortungsvoller Schuldübernahme gesprochen, die letztlich nur vom Einzelnen vollzogen werden kann, nicht aber als Forderung formuliert werden darf. Gerade weil die vollmundig geäußerte „humanitäre Intervention“ meistens viel mehr machtpolitischen Interessen geschuldet ist, sollten Kirchenvertreter mit derartigen Aussagen oder gar Aufrufen viel zurückhaltender sein. Und wenn, dann sind wir es der Gesellschaft schuldig, auch die Konsequenzen einer Legitimation von (militärischer) Gewalt zu kommunizieren.
So manches mag vernünftig klingen, ist es aber nicht. „Können Sie mir nur einen Krieg in den letzten 60 Jahre nennen, den man mit vernünftigen Gründen rechtfertigen kann?“, fragt Margot Käßmann im Spiegel-Interview (33/2014).

Was fällt der Kirche am Pazifismus zu schwer (z.B. Der Spiegel 25/1981)? Immerhin schreibt Schneider, er habe Respekt vor pazifistischen Positionen. Ich meine, wenn Kirche mit der Nachfolge Jesu Ernst macht, dann soll sie sich auch an sein Wort halten. Die Mächtigen liefern Waffen ganz unabhängig von kirchlichen Wortspenden. Damit sie aber auch Frieden liefern können, dazu braucht es Menschen, die aus (nicht nur) christlicher Überzeugung Alternativen zur Gewalt suchen. Denn es gibt immer eine Alternative. Aber dafür müssen wir immer wieder neu bei uns selbst anfangen.

Herzlichst,
Ihr Pfr. Rudolf Waron

02. September 2014