Der Russe und ich

Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen.
Matthäus 5, 44

Ich gebe es offen zu: Ich kenne mich nicht mehr aus. Ist denn alles falsch, was ich als Kind und Jugendlicher gelernt habe (geb. 1974)? „Der Russe steht vor der Türe“ war so ein Satz, der in aller Kürze das – zugegeben schon ausklingende – Lebensgefühl zum Ausdruck gebracht hat. Zwar bin ich nicht wie Arnold Schwarzenegger persönlich von russischen Panzern bedroht worden, aber von den (wenigen) Fahrten über den eisernen Vorhang nach Ungarn oder Tschechien, das damals noch Tschechoslowakei geheißen hat, sind mir die MG-Türme und die finster dreinschauenden Zöllnern – wobei ich natürlich nicht unterschieden habe, ob das die „von drüben“ oder „unsere“ waren – noch sehr erinnerlich.

Meine Welt war ganz einfach: Der Osten ist schlecht und wir (=Westen Europas?) waren die Guten. Nicht nur, dass im Osten nur Kommunisten lebten, es waren auch gottlose Kommunisten. Wenn der Teufel wo wohnen würde, dann in einer tschechischen oder ungarischen oder slowakischen Industriestadt. So weit, so klar.

Mit dem Fall des eisernen Vorhangs durch Alois Mock und einem von drüben hat sich viel geändert. Aber nicht im Kopf. Der Osten ist schlecht, nur dass der Osten jetzt weiter in den Osten gerückt ist und die Ungarn jetzt zu „uns“ gehörten. Auf einmal waren die gottlosen Kommunisten in Ungarn Katholiken und Reformierte und Lutheraner usw. Dass Sie auf einmal auch Nationalisten waren – natürlich „alle“ – gehört offensichtlich zum Demokratisierungsprozess dazu.

Wen wundert es, dass ich bei dem, was in der Ukraine gerade vor sich geht, den „altbösen Feind“ klar bestimmen kann: Der Russe. Natürlich ist es derselbe, der damals vor „unserer“ Türe gestanden ist und in seinem diktatorischen – und vergessen wir bitte nicht: gottlosen – Kommunismus nun gewaltsam bis ans westlichste Ende Europas, der Ukraine expandieren will. Menschenrechtsverletzend und antidemokratisch natürlich – wie er eben so ist, der Russe.

Nun muss ich aber schon auch ein wenig abseits aller Satire ganz ehrlich zu mir selbst sein und feststellen: Viel anders habe ich wirklich nicht gedacht. Sicher, die Amerikaner (Plural!) stehen dem Russen (Singular) nicht nur in Nichts nach, sondern sie sind noch viel weiter. Bei aller Kritik an Putin und seiner Politik sehe ich aber im Assoziierungsvertrag der EU mit der Ukraine eine wesentlich heftigere Aggression in den Osten, als vom Osten.

Wenn Jesus davon spricht, dass wir unsere Feinde lieben, so hat es vielleicht auch damit zu tun hat, dass wir zuerst uns selbst aus dieser Liebe heraus entfeinden müssen, indem wir eben auch unsere Bilder vom Feind überdenken.

Herzlichst,
Ihr Pfr. Rudolf Waron

10. Mai 2014