conditio humana

Was murren denn die Leute im Leben? Ein jeder murre wider seine Sünde!
Klagelieder 3,39

Wir alle tun es – die anderen mehr, die anderen weniger. Viele tun es mit einem schlechten Gewissen, manche fröhlichen Herzens. „Es“, da verstehen wir alle „etwas“ anderes darunter: Meistens sind es im individuellen Bereich Süßspeisen oder Alkohol oder der stehende bzw. fließende Straßenverkehr, im gesellschaftlichen Bereich bezieht sich „es“ zumeist auf die Umwelt oder Architektur. Aber alles natürlich nur im sprichwörtlichen Sinn. Also harmlos, also wörtlich von sich selbst frei, denn mit „es“ ist die „Sünde“ gemeint (griech.: harmatia). Und da sind auch agnostisch oder atheistisch begabte Menschen nicht ausgenommen. Ach wie schön, dass wir sogar religionsfrei sündigen können.

Offensichtlich kommen wir ohne den Sündenbegriff nicht aus, meinen aber meist eher Harmloses oder wollen damit weniger Harmloses zumindest begrifflich herunterspielen. Aus der Umweltverschmutzung werden (harmlos klingende) Umweltsünden – ganz im Sinne von: „Das wird schon wieder!“ Weniger ermunternd dagegen der Blick in den Spiegel nach ein paar (?) kleinen (?) süßen Verführungen, die mich wieder zum „Sündigen“ verleitet haben.

Die Sünde hat abgewirtschaftet. Dabei hat alles so gut angefangen: Kaum ein Begriff war nachhaltiger und mit mehr Sanktionsmöglichkeiten verbunden, wie dieser. Und weil er so universell einsetzbar war, wurde das System ordentlich ausgebaut. Allerdings wurden dabei ganz schön viele Bausünden begangen. Und so ist es kein Zufall, dass die Sünde mit der Zeit zu einem Synonym für Unmoral wurde und damit zu einem Instrument der religiösen Sanktionierung der jeweils herrschenden Maßstäbe. Fromme Ideologie, die satirisch in etwa so beschrieben werden kann:

Alles was Spaß macht, macht dick oder ist Sünde.

Und zum Reformationstag: Die Verwechslung von Sünde mit Unmoral führt zur Verwechslung von Evangelium (Gnade) und Gesetz, womit wir schon mitten in den wesentlichen Begriffen der Rechtfertigungslehre Martin Luthers sind. Konnten die Menschen des Mittelalters (z.T. bis heute) Gott nur als Richter und Rächer sehen, stellte Luther den gnädigen Gott ins Zentrum seiner Theologie.

Was aber die Menschen nicht daran hinderte, weiterhin Sünde und Unmoral gleichzusetzen, v.a. im 19. Jh., als jeder Verstoß gegen die Normen der Bourgeoisie als Sünde „abgekanzelt“ wurde.

Der Theologe Paul Tillich hat versucht, den korrumpierten Begriff mit „Entfremdung“ wenn schon nicht zu ersetzen aber so doch zu umschreiben. Damit meint er, dass der Mensch als ein Existierender nicht das ist, was er essentiell ist und darum sein sollte. Oder anders formuliert: Die existentielle Situation des Menschen ist ein Zustand der Entfremdung von seiner essentiellen Natur.

Ein/e Sünder/in ist jemand, die/der sich abwendet von anderen, diesen fremd wird und nur auf sich selbst sieht. Luther nennt sie/ihn einen „auf sich selbst verkrümmten Menschen“. Dass der/die/das Andere nicht nur Gott meint, sondern auch und besonders unsere Mitmenschen, davon zeugt das Leben von Jesus von Nazareth.

Da wird noch einmal drastischer deutlich, warum die Verweigerung, seinen Nächsten zu Hilfe zu kommen, zu kleiden, Nahrung zu geben etc. als Sünde bezeichnet wird.

Und ich darf ergänzen: Auch die „Sorge“ vor den Fremden statt der Sorge für die Fremden ist unter diesem Aspekt Sünde. Nach Tillich ist Angst in der Zerrissenheit zwischen Existenz und Essenz begründet, zwischen Sein und Nicht-Sein. Weniger philosophisch: Angst ist die Frucht der Sünde. Und was hilft? Mut zum Sein! „Der Mut zum Sein gründet in dem Gott, der erscheint, wenn Gott in der Angst des Zweifels untergegangen ist“ (Quelle). Und wenn Gott (in tiefster Nacht) erscheint, dann wird es Weihnachten – auch ohne süße Verführungen!

Herzlichst,
Ihr Pfr. Rudolf Waron

„conditio humana“: lat. „Bedingung des Menschseins“ oder „Natur des Menschen“

04. November 2015