Auf Durchzug geschaltet

Steh auf, nimm das Kindlein und seine Mutter mit dir und flieh nach Ägypten und bleib dort, bis ich dir’s sage;
Matthäus 2, 13b

„Immer die gleichen Geschichten. Ich kann sie schon nicht mehr hören. Die Bilder – ich kann sie nicht mehr sehen. Eh arm, aber es sind einfach zu viele. Ich will ja kein Unmensch sein, aber wer weiß, wer da aller kommt…“

Ich will hier einmal stoppen. Nicht den Flüchtlingsstrom, der ja angeblich nicht zu stoppen ist und wie eine Naturgewalt über uns herein bricht. Nein, ich will aufhören, mir Sorgen zu machen. Sorgen um mich. Denn meiner Meinung dreht es sich um nichts anderes beim Thema „Flüchtlinge“.

Und deshalb will ich auch keine Ruhe geben in der stillsten Zeit im Jahr. Keine Ruhe oder Frieden, sondern ein unruhiges Gewissen, solange wir eines haben. Denn wir sind als Gesellschaft gerade dabei, unser Gewissen zu verlieren oder zumindest abzugeben auf ein paar Engagierte, die in ihrem Einsatz auch noch als Sozial-Romantiker belächelt werden.

Dabei haben wir doch schon längst auf Durchzug geschaltet. Nicht nur an den Grenzen, sondern auch im Kopf. Wir nehmen kaum noch wahr, was kaum wahrzuhaben ist. Verschwiegen wird, dass „wir im Westen“ den Flüchtlingslagern in und um Syrien seit Jahren das Notwendigste vorenthalten. Auch Österreich hat erst einen Bruchteil dessen an das World Food Programme überwiesen, was seit Jahren zugesagt ist. Von wegen Naturgewalt: Wer hungert und an Leib und Leben bedroht ist, versucht dieser Situation zu entkommen.

„Lassen Sie mich doch in Ruhe!“ – Ach, das denken viele – flüchtende Menschen zuerst. Wenn doch endlich Ruhe einkehren würde in diese Welt. Wenn doch endlich Frieden herrschen würde statt Krieg und Ausbeutung. Wenn doch endlich …

Es sind immer die gleichen Geschichten. Wie die zu Weihnachten. Auch sie erzählt von einer Flucht. Aber sie scheinen wir immer wieder gerne zu hören. Eh arm, aber auch lieb, das kleine Jesuskinderl. Wie oft wurde in Geschichte und Gegenwart vergessen, dass das liebe kleine Jesuskinderl ein jüdisches Kind war und ein Flüchtlingskind und ein uneheliches Kind und – besonders schlimm – ein armes Kind.

Vielleicht sollten wir uns den Aufruf der Engel zu Herzen nehmen: „Fürchtet euch nicht!“ Lasst uns weniger Furcht haben vor unseren Sorgen.

Eine gesegnete Adventzeit und ein frohes Fest!

Herzlichst,
Ihr Pfr. Rudolf Waron

01. Dezember 2015